Gunther Gaedtke
20 Jahre Leiter der Planung Bau-Überwachung und aktuell Stabstelle für Sonderaufgaben
Städtische Werke Netz + Service GmbH
Gunther Gaedtke war 20 Jahre lang als Leiter der Planung Bau-Überwachung bei der Städtische Werke Netz + Service GmbH in Kassel tätig. Seit Anfang 2024 arbeitet er nun in der Stabsstelle für Sonderaufgaben, um die Innovation und die Digitalisierung voranzutreiben. In diesem Kundeninterview spricht er mit Vairas Geschäftsführer Max Erdmann über die digitale Baudokumentation und Prozesse.
Die beiden tauchen tief in die Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung in der Versorgungsbranche ein – sowohl im Büro als auch auf der Baustelle sowie in der Zusammenarbeit beider Bereiche. Unser Gast teilt seine wertvollen Einblicke und Erfahrungen aus seiner langjährigen Tätigkeit in der Branche. Themen sind unter anderem:
Gunther Gaedtke
… das sind ja die Dinge, die Vaira gerade ausmachen. Ihr habt ganz viele Sachen vor, die der Markt braucht, aber seid ein bisschen früh und der Markt ist viel zu langsam.
Max Erdmann
Ja, und ich glaube gerade, dass so ein Gespräch eigentlich geführt wird. Entweder mit sich selber im Markt oder auch in den Unternehmen. Aber dann passiert nichts.
Gunther Gaedtke
Ja, es wird auch zwischen den Unternehmen geführt. Jeder weiß eigentlich, wo es hingehen muss. Aber keiner hat den Hebel, das dann tatsächlich auch noch umzusetzen. So ähnlich wie bei der Klimawende. Wir wissen alle, was wir bis 2045 machen müssen. Aber jeder wartet noch ein bisschen ab, statt einfach loszulegen. Und das ist genau das Gleiche mit der Veränderung der Arbeitsbedingungen gerade bei uns im Versorgungsbereich.
»Und ich war gerade vorgestern und Dienstag in Berlin auf dem DVGW-Kongress. Alle haben den gleichen Ansatz, aber keiner legt los.«
Wir haben die Energiewende vor uns, wir haben den Ersatz der Erdgas-Netze vor uns. Wir können uns noch nicht ganz entscheiden, ob wir Wasserstoff reinmachen wollen oder ob wir sie aufgeben wollen – weil die beiden Varianten haben wir.
Und es wird nur geredet und überlegt. Und wenn einer innovativ ist, dann wird er zurückgepfiffen. Und ich war gerade vorgestern und Dienstag in Berlin auf dem DVGW-Kongress. Alle haben den gleichen Ansatz, aber keiner legt los.
Max Erdmann
Das wirkt fast wie ein Problem von uns. Aber es ist glaube ich auch global, also insgesamt bei der Klimawende oder bei der Klimakrise. Ich erkenne oder ich denke zumindest immer wieder, wie wir unser Papier lieben. Jetzt, da wir schon voll im Gespräch sind, fangen wir vielleicht nochmal vorne an, dass du dich einmal kurz vorstellst.
Wie war dein Werdegang und wie sind wir aufeinander getroffen? Danach können wir dann schon direkt einsteigen, weil das ist schon genau das Gespräch, was wir sonst auch geführt haben. Also wenn du willst, leg gerne los und stell dich vielleicht einmal kurz vor.
Gunther Gaedtke
Also ich bin Gunther Gaedtke. Ich arbeite bei den Städtischen Werken Netz + Service GmbH in Kassel inzwischen seit 27 Jahren. Ich habe mal im Energieeffizienzbereich des Unternehmens angefangen und über den Fernwärmebau zum allgemeinen Versorgungs-Leitungsbau gefunden.
Ich hab 20 Jahre lang Planung Bau-Überwachung geleitet. Bin seit einem Dreivierteljahr Stabsstelle für Sonderaufgaben, sprich Weiterentwicklung. Und ich verspüre persönlich einen ganz großen Innovationsdruck.
Gelernt bin ich Maschinenbauer, komme also so ein bisschen von woanders, habe bevor ich bei der Städtischen Werke angefangen hab im Anlagenbaubereich gearbeitet. Hab also auch einen anderen Horizont als die Versorgungswirtschaft und würde gerne die eine oder andere Sache davon noch in der Versorgungswirtschaft unterbringen.
Max Erdmann
Ja, und ich glaube, gerade dein Hintergrund, so wie wir uns auch kennengelernt haben damals über k3v – den Michael Meier, der uns ja zusammengebracht hat –, an dieser Stelle auch noch mal ein Dankeschön. Seitdem ist viel passiert und es macht einfach unglaublich viel Spaß mit euch auch zu arbeiten und auch ganz persönlich mit dir, eben auch aufgrund deiner Perspektive. Mit diesem anderen Hintergrund liegt das alles sehr nah beieinander, was wir vorhaben.
Du mit deiner ganzen Erfahrung. Wir versuchen das mit unserer Software dann Realität werden zu lassen. Wo du auch schon ganz oft gesagt hast: “Ja, das hätten wir damals mal gebraucht” oder “das ist jetzt nicht unbedingt neu, aber vielleicht kann man es jetzt endlich mal Realität werden lassen”.
Also da freue ich mich jetzt total auf das Gespräch mit dir, dass wir da so ein bisschen einsteigen können, wie die Versorgungswelt tickt. Oder was vielleicht die großen Herausforderungen sind. Lösen werden wir’s heute sicherlich nicht, aber dass wir zumindest einmal eine Bestandsaufnahme haben, so ein bisschen, was in unserer Lebensrealität stattfindet und was eigentlich besser laufen könnte.
Ich weiß gar nicht, wie tief wir da reingehen wollen, was wir alles gemacht haben. Aber wir haben natürlich angefangen mit dem, was wir auch ganz ursprünglich bei Vaira gemacht haben, mit der Vermessung vom Smartphone aus, was euch ja auch den Lebens-, den Arbeitsalltag erleichtern soll, weil ihr auch intern und extern auf die Baustellen fahrt und das alles macht.
Und dass da eben schneller die Ergebnisse zurückkommen.
Wie groß ist denn das Thema Digitalisierung bei euch? Vielleicht als Thema einerseits, und andererseits, wie weit seid ihr da und wie viel Luft ist da noch oder wie kommt ihr voran?
Gunther Gaedtke
Also das Thema Digitalisierung ist sehr, sehr wichtig. Wie in allen Branchen. Das Problem dabei ist, manche Leute glauben, wenn sie was als PDF-Datei haben und nicht mehr als Papierplan, sie wären voll digital.
Und da wir komplett in der PDF-Welt angekommen sind, glauben manche Leute, die Digitalisierung wäre schon abgeschlossen. Und das ist natürlich genau nicht der Fall, sondern die Digitalisierung heißt ja eigentlich die Verknüpfung von Daten, die einmalige Erfassung von Daten, die Abschaffung der Notwendigkeit, Dinge abzuschreiben, abzutippen, mehrfach zu halten, dadurch auch Ungleichheiten in den Datenbestand zu bekommen. Und da sind wir noch ganz am Anfang.
»Das Problem dabei ist, manche Leute glauben, wenn sie was als PDF-Datei haben und nicht mehr als Papierplan, sie wären voll digital.«
Bei uns werden viele Daten immer noch händisch transportiert, das heißt abgeschrieben. Kopiert statt zu übertragen. Und das Thema: die Prozesse. Die Prozesse sind allen bekannt, die werden auf einem schönen Papierworkflow, egal ob Swimline oder sonst wie, auch abgelegt und digital gespeichert. PDF macht‘s möglich. Oder Confluence macht‘s möglich.
Sie werden aber noch nicht digital gelebt, das heißt die Workflows… Jemand packt was an, meldet, dass er fertig ist und beim anderen taucht das dann auf. Es ist nur ganz in Ansätzen ausgeprägt und da müssen wir viel, viel mehr hinkriegen, weil wir dadurch, dass es nur in Ansätzen ausgeprägt ist, auch relativ langsam werden.
Und das ist meiner Meinung nach das Problem, was wir heute in der Versorgungsbranche haben. Wir haben Zeitdruck, weil die Energiewende hält nicht an, die kommt in Riesenschritten auf uns zu.
Und egal in welcher Ausprägung wir die machen, ob das jetzt die All-Electric-Society wird oder eine Mischung aus Elektrik und verschiedenen Gasen oder was auch immer. Es hat damit zu tun, dass die Infrastruktur, die wir in den letzten 100 Jahren aufgebaut haben, nicht ausreichen wird, und zwar in keiner Sparte. Im Strombereich, selbst, wenn wir nur 1/3 des Wärmemarktes mit Wärmepumpen bedienen wollen, heißt das, dass wir die elektrische Leistung, die wir zur Verfügung stellen müssen, verdoppeln müssen.
Das heißt, da, wo heute eine Trafostation ist, muss eine große Trafostation her und dickere Kabel oder mehr Kabel in die Erde. Und selbst wenn man das optimiert und strukturiert plant, was leider durch das freie Spiel im Markt nicht immer möglich ist, ist es eine riesen Herausforderung. Und diese Riesenherausforderung bekommt man eben nur dann hin, wenn man nicht wie im guten alten Handwerksbetrieb guckt, was zu tun ist, hinfährt, am nächsten Tag vielleicht montiert und wieder nach Hause fährt. Sondern das muss wirklich sauber durchgetaktet funktionieren und mit möglichst wenig Leuten funktionieren.
»Wir haben Zeitdruck, weil die Energiewende hält nicht an, die kommt in Riesenschritten auf uns zu.«
Weil ich bin ja selber ein Teil von den Babyboomern. Wir sind nicht mehr lange da und wir werden auch nicht alle Menschen, die hier über 60 sind und noch arbeiten, durch geeigneten Nachwuchs ersetzen können.
Das heißt, diese riesen Aufgabe, die auf die Versorgungswirtschaft zukommt oder schon da ist, die müssen immer weniger Leute schaffen. Und das schaffen die nicht, wenn sie arbeiten wie unsere Väter, sondern die müssen halt anders arbeiten.
Ein Teil ist tatsächlich die Standardisierung von dem, was wir einbauen. Nicht mehr bei jeder Anlage aufs Kleinste ausdefinieren, was rein soll, sondern tatsächlich Standards schaffen, leicht überdimensionierte Standards schaffen, und die dann immer einbauen.
Man zahlt da zwar vielleicht ein bisschen mehr für die Anlage, aber dadurch, dass es immer die gleiche ist und man sich nicht große Gedanken machen muss: “Was kommt jetzt wohin und wie montier ich es jetzt?”, kriegt man das wieder raus, indem die Montage einfacher wird.
»Das heißt, diese riesen Aufgabe, die auf die Versorgungswirtschaft zukommt oder schon da ist, die müssen immer weniger Leute schaffen. Und das schaffen die nicht, wenn sie arbeiten wie unsere Väter, sondern die müssen halt anders arbeiten.«
Und so ein anderes Thema ist die Dokumentation. Neben der Energiewende gibt es ja auch noch den Glasfaserausbau in Deutschland.
Wir haben in Deutschland sehr spät angefangen, weil die Telekom ein hervorragendes DSL-Netz geschafft hat, was den meisten Leuten auch völlig reicht. Aber absehbar dann eben auch nicht mehr reichen wird. Und da gibt es dann auch irgendwann mal einen Kipppunkt, dass dann alle Menschen Glasfaser haben wollen.
Dazu haben wir also noch den Glasfaserausbau. Und im Bereich Glasfaser, noch mehr als im Bereich der Stromversorgung, ist eine saubere, exakte Dokumentation erforderlich, weil… ich weiß nicht, ob das alle wissen: das ist ja tatsächlich eine Punkt-zu-Punkt-Verbindung vom Verteilknoten bis in jeden Haushalt rein und das muss sehr sauber dokumentiert sein, dass dann tatsächlich auch jeder die Faser bespielt bekommt, die er bestellt hat.
Solche Dinge funktionieren eben nur, wenn sehr standardisiert gearbeitet und dokumentiert wird. Und da sehe ich eben einen unserer Verknüpfungspunkte, wo wir tatsächlich auch versucht haben, mit Vaira vieles zu vereinfachen, was uns leider immer noch nicht gelingt.
»Und da gibt es dann auch irgendwann mal einen Kipppunkt, dass dann alle Menschen Glasfaser haben wollen.«
Also im Moment ist die Vermessung immer noch eine unsere großen Achillesfersen, weil sie immer noch vom Bau getrennt stattfindet. Und das ist auch ein Punkt, an dem ich manchmal verzweifelt bin, weil jedem, dem man vermessen beibringen will… mit dem Smartphone ist es so einfach. Also man kann es nach 20 Minuten. Es klingt jetzt vielleicht überheblich, aber es funktioniert.
Aber wir haben es wirklich sowohl eigenen Kollegen als auch – meine große Hoffnung – versucht, unseren Tiefbauern beizubringen. Und ich lauf mir da wirklich die Hacken wund und stoße auf ganz große Ressentiments, weil: Jemand soll drei Minuten länger arbeiten, damit ein anderer nicht eine Stunde hinfährt und die drei Minuten arbeitet. Und das ist schwierig umzusetzen.
»Jemand soll drei Minuten länger arbeiten, damit ein anderer nicht eine Stunde hinfährt und die drei Minuten arbeitet.«
Max Erdmann
Und das vielleicht auch: Du hast ganz viele Punkte angesprochen. Das ist auch vielleicht die Naivität, mit der wir damals an das Problem herangegangen sind. Ein Vermesser muss zur Baustelle und das schafft er vielleicht bei zwei, drei Baustellen am offenen Graben. Aber danach ist er am geschlossenen Graben. Und dann hast du ganz viel Chancen vertan, echte Dokumentation zu machen, wie du es gesagt hast.
Es ist nicht nur für die Glasfaser total wichtig. Wenn man irgendwo noch mal gräbt, dann wäre ganz gut zu wissen, wo die Leitung wirklich liegt und nicht, wo man hofft, dass sie liegt.
Gunther Gaedtke
Ja bei uns ist das ja sogar noch andersrum. Da hatte ich ja eigentlich gedacht, ich hätte den Hebel für die Tiefbauer: bei uns bleibt der Graben offen, bis der Vermesser da war. Das heißt: in der Logistik des Tiefbauers – das sind bei uns komplett Externe – sieht es heute so aus: Montag wird der Hausanschluss aufgemacht, Dienstag kommt die Montage, wenn wir Glück haben kommt auch Dienstag der Vermesser. Da kann man Mittwoch wieder zu machen.
Ein optimierter Prozess, der für alle Beteiligten besser wäre: Montag früh macht man auf. Die Truppe, die aufmacht, montiert und vermisst auch. Und Montagabend ist alles zu. Da kommt am Dienstag vielleicht noch die Schwarzkolonne, macht eine feine Decke obendrauf. Aber das wäre der optimierte Prozess. Weil immer, wenn ich eine Baustelle unterbreche, erzeuge ich Fahrtzeit statt Arbeitszeiten.
Und da ist völlig egal, ob das die Tiefbaukolonne ist, die Montagekolonne ist oder der Vermesser ist. Der Vermesser arbeitet bei uns schon alleine. Früher war das auch noch ne Kolonne. Also da haben wir schon Einsparungspotenzial erzielt. Aber eben gerade im Bereich von einfachen Verlegearbeiten wie Hausanschlüssen, wie Reparaturen, wie Austausch von Hydranten oder Schieberkreuzen oder solchen Dingen.
»Aber das wäre der optimierte Prozess. Weil immer, wenn ich eine Baustelle unterbreche, erzeuge ich Fahrtzeit statt Arbeitszeiten.«
Die Vaira-Vermessung bietet wirklich Möglichkeit, tatsächlich den Vermesser nicht auf die Baustelle holen zu müssen und für den Tiefbau die Möglichkeit:
Ich dokumentiere das, was ich getan habe. Ich brauche hier rechts und links nicht dokumentieren. Das ist ja in der Dokumentation schon vorhanden. Man hat darüber auch ganz klar die Einbindungspunkte und spart da wirklich Arbeit. Und das sehe ich als eine riesengroße Chance, wenn die Vermesser – der Boom der Vermesser ist auch über 50 gewesen –, also wenn die Vermesser dann eben nicht mehr durch den immer wilder werdenden Verkehr in Kassel durchfahren müssen, sondern wenn man dann eben am Westende von Kassel Hausanschluss macht und der Bauleiter oder der Polier oder auch manchmal nur der Obermonteur, der den Hausanschluss herstellt, dokumentiert den Graben mit Vaira, mit euren Workflows sind die Daten innerhalb von Sekunden bei uns verfügbar.
Da könnte man sogar eine automatisierte Erfolgskontrolle machen und mit eurer Workflow-Maschine dem Baubeauftragten sagen, dass er sich’s mal angucken kann, wenn er gerade fertig ist. Das funktioniert ja noch alles über Telefon. Da ist dann wirklich eine Dynamisierung drin, wie so ein Bau eines Hausanschlusses von einer knappen Woche auf einen guten Tag verkürzt wird.
Und das sind eigentlich genau die Punkte, an die man ran muss. Weil wenn die Menschen, die auf der Baustelle sind, arbeiten und nicht warten und nicht hin und her fahren, dann schaffen die am Tag mehr, ohne länger arbeiten zu müssen und ohne rennen zu müssen.
Weil: Wenn ich eben montags aufmache, dann ist mein Tagwerk ja noch nicht getan. Dann fahren die von der einen Baustelle, die dann für die Montage am Dienstag liegen bleiben muss, auf eine andere Baustelle. Fahren auch durch Kassel durch, stehen noch ne Dreiviertelstunde im Stau – was der Chef ja nicht eingeplant hat.
Auf Deutsch: die kriegen dann auch wieder Zeitdruck. Und das könnte man durch eine richtige Prozesssteuerung und auch vor allen Dingen dadurch, dass man Aufgaben zusammenfasst, die für einen lösbar sind, prima lösen.
»Und das sind eigentlich genau die Punkte, an die man ran muss. Weil wenn die Menschen, die auf der Baustelle sind, arbeiten und nicht warten und nicht hin und her fahren, dann schaffen die am Tag mehr, ohne länger arbeiten zu müssen und ohne rennen zu müssen.«
Und da ist ein riesengroßes Problem, was ein bisschen was mit Handwerker-Berufsethos zu tun hat. Das hatte man ja schon bei der Entwicklung und Einführung des Netzmonteurs. Auch heute arbeiten in EVU noch sehr viele Sparten-Monteure, auch im Hausanschlussbereich, weil wir es in 30 Jahren nicht geschafft haben, generell den Netzmonteur wenigstens für die einfachen Netzaufgaben zu entwickeln.
Und das sind genau die gleichen Widerstände, die wir jetzt auch bei der ja echten Digitalisierung und Prozesssteuerung in der Versorgungswirtschaft haben. Die Menschen, die haben mal Rohrleitungsbauer oder Installateur gelernt und ein Kabel zu verlegen ist bei ihnen einfach nicht im Programm. Und von daher kriegen wir da nicht den Netzmonteur hin.
Dann am Schluss auch noch ein Handy aus der Tasche zu nehmen und aus vier verschiedenen Winkeln mit einem halbwegs standardisierten Aufnahmemodus etwas einzugeben und dann noch dran zu klicken: dies ist ein Kabel, dies ist ein Gasrohr und dies ist ein Wasserrohr. Ja, das hört sich jetzt sehr, sehr vereinfachend an, aber so einfach ist das ja und die Lage ermittelt die App. Ja, das kriegen wir einfach nicht in die tägliche Praxis überführt. Das ist das Problem. Und ich denke, das müssen wir in den nächsten zwei, drei Jahren in die tägliche Praxis überführt kriegen, weil: sonst schaffen wir unsere Arbeit nicht mehr.
»Und ich denke, das müssen wir in den nächsten zwei, drei Jahren in die tägliche Praxis überführt kriegen, weil: sonst schaffen wir unsere Arbeit nicht mehr.«
Max Erdmann
Also sind einerseits die einzelnen Sparten die, die verdoppelt werden müssen, weil Glasfaser wird ein komplett neues Netz gebaut. Wir haben nicht mehr Leute, sondern im Gegensatz eigentlich weniger Leute, die aber die Mehrarbeit machen müssen. Und wenn das in den alten Prozessen läuft, dann kommt man nicht hinterher. Und das natürlich, man kann das so machen, dass man sagt, an dem Tag machen wir alle das, an dem Tag machen wir alle das. Aber das ist natürlich so ineffizient.
Wie kriegen wir sie denn da hin? Ich meine: du hattest die Beispiele mit dem Netz-Monteur und aus unserer Erfahrung heraus und auch aus dem Team bei der Integration haben wir uns ja sehr viel Mühe gegeben, das gleich in SAP zu integrieren. Dass da dann die Aufträge gar nicht mehr erstellt werden müssen auf der Baustelle, sondern man sie automatisch auf dem Telefon hat. Man muss wirklich nur noch das auf dem Telefon machen, was man jetzt auf Papier macht.
Wie kommen wir denn da hin, wenn wir auch von einigen Leuten hören: “höhere Semester sagen kurz vor der Rente fange ich hier nicht was Neues an”? Wir haben auch genügend Leute erlebt, die gesagt haben: “Cool, das erleichtert mir ja den Arbeitsalltag”.
Und die Jüngeren haben sowieso schon alle Smartphones dabei und leben in einer eigentlich an vielen Stellen voll digitalisierten Welt.
Wie kommen wir denn mit den Menschen so weit? Hast du da einen Ansatz oder eine Idee, dass wir die Menschen da hinkriegen? Das, was sie im Privaten eigentlich schon tun, tagtäglich mit Pizza bestellen, gucken, wann das Paket ankommt. Alle möglichen Sachen online zu bestellen, wo man früher noch gesagt hat: “das geht nicht online, das musst du immer im Laden machen”.
Wie kriegen wir die Leute aus der Versorgungswirtschaft dahin?
Also auf der einen Seite braucht man da unendlich viel Geduld. Auf der anderen Seite müssen wir die Anwendung so einfach machen, dass sie wirklich jeder in 20 Minuten lösen kann. Und was ich für ganz wichtig halte: Wir müssen den Gesamtprozess allen klar machen. Dem einzelnen Monteur, egal ob das jetzt einer vom Tiefbauer oder vom Kabelbauer oder vom Rohrbauer ist – das ist in meiner Vorstellung alles der gleiche Prozess. Wir müssen es dem Menschen klar machen, der ohnehin auf der Baustelle ist.
Und darum geht es mir. Dem muss mal klar machen: Du hast fünf Minuten mehr Arbeit, wir machen die Arbeit jetzt schon ganz einfach. Du brauchst also nicht mehr auf dem Mäusekalavier alles eintragen, was die Poliere übrigens im Bautagebuch heute noch bevorzugt im Papier alles tun.
Das ist ja ein ähnliches Thema. Du kriegst deine kompletten Alphadaten rübergespielt. Du hast also quasi eine fertige Baustelle. Meine Lieblingslösung ist: über GNSS sagt dir dein Telefon sogar schon, auf welcher Baustelle du gerade bist, falls du es vergessen hast. Das ist ja technisch überhaupt kein Problem.
Und ja, dann musst du letztendlich selbst bei einem komplexen Graben nur aus zwei Winkeln Aufnahmen machen und dann noch identifizieren: was ist Kabel, was das Rohr. Ja, das muss man den Leuten klar machen.
Das sind fünf Minuten, die du an dem Tag mehr machen musst. Aber dafür muss dein Kollege nicht einmal durch die Stadt fahren, um das zu vermessen.
Oder wenn es eben der Tiefbauer macht: dafür kriegst du sogar Geld. Das gefällt den Geschäftsführern gut, aber nicht den Polieren.
»Das sind fünf Minuten, die du an dem Tag mehr machen musst. Aber dafür muss dein Kollege nicht einmal durch die Stadt fahren, um das zu vermessen.«
Und, und das war eigentlich das wichtigste Argument für mich und ich denke, da muss man einfach weiter darauf pochen:
Wenn du das gemacht hast, abgeschickt hast und nach 20 Sekunden Feedback kriegst “brauchbar”, dann kannst du schon den Sand einbauen und musst nicht rumtelefonieren: “War der Vermesser schon da? Ist die Montage schon fertig? Ist es schon aufgemessen?”
Sondern in dem Moment, wo ich dieses Aufmaß, also was sowohl die Vermessung angeht als auch das Vermessen fürs Abrechnen. In dem Moment, wo ich von Vaira das Feedback gekriegt habe: das ist in Ordnung, das ist brauchbar – auf Deutsch: es ist lesbar –, kann ich Sand einbauen, zumachen und ich brauche da keine Markierung auf der Straße machen, keine Markierung am Haus machen, keine Pflöcke stecken, wenn der Vermesser verhindert ist. Sondern ich bin fertig.
»In dem Moment, wo ich von Vaira das Feedback gekriegt habe: das ist in Ordnung, das ist brauchbar – auf Deutsch: es ist lesbar –, kann ich Sand einbauen, zumachen und ich brauche da keine Markierung auf der Straße machen, keine Markierung am Haus machen, keine Pflöcke stecken, wenn der Vermesser verhindert ist. Sondern ich bin fertig.«
Ich bestimme dann als Polier das Arbeitstempo und kann sagen: Okay, ich habe die Woche nicht viel zu tun, dann mache ich mittags schon Schicht – das soll jetzt kein anderer Geschäftsführer gehört haben – oder ich sag ich kann eben an einem Tag einen Hausanschluss von morgens Straße anschneiden bis mittags Tragschicht einbauen, alles fertig kriegen. Das ist eben das Thema. Da müssen wir noch ganz viel Werbung machen, ganz viel Prozessverständnis machen, auch gerade bei den jüngeren Leuten.
Das Problem ist aber auch gerade, dass im Mittelmanagement da eine gewisse Skepsis da ist, also dass man da noch eher die Philosophie hat: Wenn ich schneller laufe, komme ich schneller ans Ziel. Also man macht da eher den Hasen als den Igel. Und ich glaube, wir müssen eher den Igel machen.
»Da müssen wir noch ganz viel Werbung machen, ganz viel Prozessverständnis machen, auch gerade bei den jüngeren Leuten.«
Mit der Workflow-Engine haben wir das versucht einzubauen. Beliebige Prozesse. Also man kann das wirklich so absurd machen, dass man da eine Geburtstagsparty mit Rezept drin versucht abzubilden. Und das tut es natürlich auch für die die professionellen Prozesse. Aber dann hört man oft genug: “Wir haben keine Prozesse. Das macht der Peter immer.” Da ist an der Stelle nicht mal unbedingt klar, was ein Prozess ist.
Und dann kommt Krankheit, Urlaub und dann wird zwei Wochen lang nicht abgerechnet. Also da sind ganz viele Chancen. So wie du das super zusammengefasst hast. Die Person muss fünf Minuten mehr Arbeit machen, aber spart sich eigentlich hinten raus vier Stunden Fahrt und Pflöcke einschlagen und Abstimmung. Also du sparst dir eigentlich durch einmal an einer Stelle fünf Minuten mehr Arbeit sowohl selber total viel Zeit als auch allen anderen.
Das ist glaube ich auch so eine Sache, die man den Leuten wahrscheinlich klar machen muss, so wie du sagst. Also man muss Werbung dafür machen. Dieses Verständnis zu bekommen: es sind Prozesse, die tun nicht weh, aber man kann sie auch verbessern.
»Mein Lieblingsbeispiel ist ein Nadeldrucker, der gebraucht wird, um die Abrechnungen abzugeben. Das gibt es auch noch.«
Und da gibt es ja dann auch Medienbruch nach Medienbruch im Moment von Papier. Dann Fax, gibt es immer noch. Mein Lieblingsbeispiel ist ein Nadeldrucker, der gebraucht wird, um die Abrechnungen abzugeben. Das gibt es auch noch.
Das Werbungmachen ist da glaube ich ein wichtiger Teil. Mit gutem Beispiel vorangehen und es wirklich wagen, so wie ihr es dann auch gemacht habt. Einfach zu sagen: “Wir machen das und das hilft auch”. Und dann merkt man vielleicht intern die Herausforderung, die man dann über Zeit und Schulungen löst. Und viel funktioniert ja schon. Oder man sagt: “Das wäre ja noch cool, wenn wir das noch könnten.”
Das wir da auch eben gemeinsam schauen: Wie sieht eigentlich die digitale Zukunft aus?
Weil das Schlimmste ist wirklich, die analoge Welt und die digitale Welt zusammenzubringen und dabei das Schlechteste aus beiden Welten zu behalten.
Es lässt sich leider manchmal nicht ganz vermeiden, aber man sollte versuchen, das dann wirklich als Übergang hinzubekommen. Und die digitale Welt als Ziel auch vorher schon mal zu zeigen, wie die aussieht.
Das ist ein Thema, was was ganz viele Veränderungsprozesse stört. Man kann nicht von heute auf morgen komplett umschalten. Man hat immer mal zeitweilig doppelte Informationshaltung, ja. Und man muss das Alte teilweise noch mitmachen und das Neue schon machen.
Aber ich meine: das ist eigentlich genau das, was man bei jedem Veränderungsprozess hat. Und wenn man den Zielprozess eben gut kennt, dann kann man auch den Alt- oder Quell-Prozess relativ lange fernhalten. Und ich meine… das Thema, was du gesagt hast, das “es macht immer der Peter”.
Das ist ein Thema, was es wirklich gibt. Manche Leute definieren wirklich ihr Arbeits-Selbstbewusstsein darüber, dass sie exklusiv etwas tun. Und das sind natürlich genau die Leute, denen man was wegnimmt, wenn man einen Prozess verallgemeinert und für alle verbindlich macht. Weil der, der immer das Papier annimmt, einscannt und dem anderen hinlegt und weiß, wo die Datei liegt, den brauche ich halt nicht mehr.
Der Mensch, den wir hier beschäftigt hatten, ist vor einem Jahr in Rente gegangen. Total lieber, netter Kerl, fehlt uns menschlich. Aber den Job macht heute keiner mehr, weil heute kriegen wir die Daten schon digital als PDF rein. Brauchen sie nicht mehr einscannen. Und der, der es weiterbearbeiten soll, kriegt aus dem SAP auch schon die Infos zum Weiterbearbeiten. Also das funktioniert.
»Aber den Job macht heute keiner mehr, weil heute kriegen wir die Daten schon digital als PDF rein.«
Aber das ist eben auch nur ein kleiner Weg und es ist mir noch zu viel PDF. Und PDF ist kein Prozess, ist nicht digital. Das ist ja Pixelabbildung von dem Blatt Papier.
Und ich denke, da müssen wir den Leuten auch immer die Chance geben, zu sehen: es funktioniert ja jetzt auch ohne den Peter.
»Und PDF ist kein Prozess, ist nicht digital. Das ist ja Pixelabbildung von dem Blatt Papier.«
Und wir müssen den Peters auch klar machen, die es noch in allen Ecken gibt, und die zum Teil deutlich jünger sind als ich:
Wir brauchen jeden, der was kann. Du kannst viel mehr als nur den Prozessschritt. Das ist eben schwierig, weil… es ist schlimm. Auch in der Diskussion mit dem Betriebsrat. Man kriegt letztendlich bei jeder Prozessoptimierung vorgeworfen, dass Arbeitsplätze verloren gehen. Und das ist meiner Meinung nach im 21. Jahrhundert kein Argument, etwas nicht zu tun. Weil wir werden jeden, der lesen und schreiben kann, brauchen. Und wir müssen unsere Prozesse so einfach machen, dass wir jeden, der lesen und schreiben kann, dann auch einsetzen können.
Und dass jemand keine Arbeit findet, trotz Bauflaute im Moment, das wird nur für ganz wenige Menschen vorkommen.
»Weil wir werden jeden, der lesen und schreiben kann, brauchen. Und wir müssen unsere Prozesse so einfach machen, dass wir jeden, der lesen und schreiben kann, dann auch einsetzen können.«
Und ich meine: im Moment haben wir zum Glück die Hochbauflaute. Deshalb kriegen wir im Tiefbau einiges gewuppt. Also ich kenne Unternehmen, die bisher zwei Tiefbaukolonnen hatten. Die haben jetzt plötzlich sechs. Davon profitieren wir im Moment. Dann können die mehr Leute natürlich schneller ein bisschen was von dem abdecken, was wir an Mehrarbeit tatsächlich haben.
Aber wenn der Hochbau wieder anzieht – und die Zinsen sinken gerade und die Wohnungsnot, die steigt grade –, also irgendwann wird auch Hochbau wieder lukrativ.
Da müssen wir tatsächlich dazu kommen, bei uns im Tiefbau, in der Versorgungswirtschaft, die Prozesse zu vereinfachen, zu standardisieren und richtig zu digitalisieren. Eben nicht zu telefonieren, sondern: Wenn ich montiert hab, weil der Tiefbauer zum Beispiel keine 10-kV-Kabel montieren kann, hat er die Fachkunde nicht.
Dann drück ich einfach “habe fertig”, mache ein Foto von der Muffe, und alle, die es wissen müssen, kriegen über die Workflow-Engine mitgeteilt: Jörn ist fertig. Die 10kV-Muffe ist geprüft. Du kannst jetzt zumachen, du kannst jetzt abrechnen und du kannst jetzt einschalten.
Und ich meine, das ist eine Vielzahl an Prozessen, die hinterherkommen. Das ist ja nicht immer nur eine Kette, sondern jede Handlung erzeugt ja eine Vielzahl an Handlungen, die heute hintereinander abgearbeitet werden, die man miteinander mit einer vernünftigen Workflow-Engine tatsächlich dann auch parallel steuern kann.
Und damit kann man dann tatsächlich auch Bauzeit verkürzen. Und Bauzeit ist immer auch Kosten. Also wenn man Bauzeit verkürzt, wird’s günstiger.
»Und damit kann man dann tatsächlich auch Bauzeit verkürzen. Und Bauzeit ist immer auch Kosten. Also wenn man Bauzeit verkürzt, wird’s günstiger.«
Max Erdmann
Das sind so viele Punkte. Also einerseits natürlich: es wird günstiger. Das ist nachher der große wirtschaftliche Motivator, sich einer Veränderung zu stellen und zu sagen: “Das wollen wir sicherlich jetzt auch tun”.
Aber auch ganz im Persönlichen, wenn wir wieder bei den Peters sind – hast du an dem Beispiel schön gesagt –, deren Aufgabe wird nicht mehr gebraucht. Die Person wird aber schon noch gebraucht.
Da muss es einen Bruch geben, dass man sich nicht mehr nur über die eine Tätigkeit identifiziert, die ich mache, sondern ich habe vielleicht sogar wechselnde Rollen. Und je breiter sich meine Arbeit verändert, desto mehr lerne ich natürlich, desto mehr kann ich mich weiterentwickeln. Da ist, glaube ich, ganz viel Bewegung drin, die die Welt heutzutage einfach mit sich bringt.
Ja, aber es ist auch ganz viel Bewegung drin, die sich dagegen sträubt, das zu tun.
Also ich meine: wir haben in der großen, in der Linienbaustelle, den digitalen Workflow tatsächlich im Laufe der letzten Jahre eingeführt. Gegen ganz erhebliche Widerstände auch unserer Mitarbeiter in der Dokumentation. Die konnten sich nicht vorstellen abzumalen, sondern die mussten vom Abmaler zum Qualitätsprüfer werden.
Und die Lageinformation und die Sachdateninformation, was wir verarbeitet haben, die kriegen die inzwischen als Datenstrom und müssen jetzt logische Strukturen, topologische Strukturen und Plausibilität prüfen. Eine viel anspruchsvollere Arbeit.
Und trotzdem hatten sie am Anfang Angst davor, sie würden überflüssig, wenn in der Vermessung draußen tatsächlich nicht nur Punkte auf Papier, sondern tatsächlich Netzstrukturen abgebildet werden.
»Und trotzdem hatten sie am Anfang Angst davor, sie würden überflüssig, wenn in der Vermessung draußen tatsächlich nicht nur Punkte auf Papier, sondern tatsächlich Netzstrukturen abgebildet werden.«
Und das Thema, das haben wir eben… da sind noch Spezialisten gefragt. Aber im Kleinbaustellen-Bereich, Störungsbeseitigung, Hausanschlüsse, kleine Veränderungen – da sind die Spezialisten eben nicht mehr gefragt, weil man dann die Expertise von dem Vermessungstechniker nicht mehr braucht.
Und das ist das Thema, wo man eingreifen muss. Wo man den Leuten auch klar machen muss: deine fünf Minuten mehr helfen der Firma ungemein und übrigens auch deiner Baustelle.Und das ist das Thema. Du kannst dann weiterarbeiten, wenn du fertig bist und brauchst nicht mehr warten.
»Du kannst dann weiterarbeiten, wenn du fertig bist und brauchst nicht mehr warten.«
Max Erdmann
Es kommt mir so vor – das weißt du vielleicht auch besser –, dass wir echt spät dran sind mit diesen Veränderungen. Das hast du ja auch eingangs schon gesagt. Mit der Klimakrise. Wir machen alles auf den letzten Drücker. Wir wissen eigentlich, was wir tun müssen. Wir haben jetzt auch die Werkzeuge. Die Werkzeuge werden immer besser.
Also daran liegt es nicht. Nur wir müssen es wirklich mal machen. Sind wir da jetzt hier im Versorgungsbereich vielleicht – oder in Deutschland insgesamt – hintendran? Oder merkst du das eigentlich als eine grundsätzliche Sache? Wir müssen wirklich insgesamt mehr den Fokus legen auf “die Welt verändert sich schneller, als wir das vielleicht früher noch kannten”.
Gunther Gaedtke
Also wir haben in Deutschland Branchen, die sind unendlich digitalisiert.
Ich finde es immer beeindruckend. Ein ganz triviales Beispiel ist, dass ich bei vier verschiedenen Carriern nachvollziehen kann, wo mein Paket gerade ist. Also wenn ich das mit unserem Betriebsrat besprechen würde, dass mein Paket bzw. das Fahrzeug des Fahrers, der mein Paket transportiert, jederzeit seine Örtlichkeit weitergibt – da würde der Betriebsrat mir wahrscheinlich schon mit dem nackten Hintern ins Gesicht springen.
Das war am Anfang übrigens bei der Post genau das gleiche und inzwischen ist es völlig üblich. Und für mich persönlich, als Post-Kunde, bin ich da auch im Vorteil, weil ich weiß genau, wann der zu mir kommt. Wenn mir wichtig ist, das Paket persönlich in die Hand nehmen zu dürfen, bin ich dann eben auch zu Hause.
Es gibt ganz viele Branchen, wo Logistik unheimlich gut klappt. Und es gibt Branchen, die da jahrelang keine Notwendigkeit hatten. Und ich meine: wir in der Versorgungswirtschaft sind schon ziemlich besonders, weil bei uns ganz viele unterschiedliche Expertise zusammenarbeitet um das große Netzwerk am Laufen zu halten.
»Also wir haben in Deutschland Branchen, die sind unendlich digitalisiert.«
Und trotzdem ist es in vielen Bereichen noch ein recht relativ handwerklicher Job mit einer Handwerkerehre.
Und diese Mischung hat eben dazu geführt, dass man mit einfacheren Produkten schneller geworden ist. Also heute gibt es – egal ob im Kabelleitungsbau oder im Rohrleitungsbau – ganz viele Produkte und Verfahren, mit denen man Zeit sparen kann.
Früher hat man zum Beispiel die zweizelligen Rohre autogen geschweißt. Da war der gute Schweißer dann schon mal eine Stunde beschäftigt. Heute presst er das oder schweißt es mit einem PE-Schweißgerät. Das dauert fünf Minuten und ist dann fertig. Also da haben wir schon Dinge vorangetrieben.
Früher, als man noch alles in Stahl gebaut hat, musste man dann Korrosionschutz auftragen und, und, und. Wir haben irgendwann auf PE umgestellt, also brauchte man das nicht mehr. Früher mit den Massekabeln waren Muffen ein Kunstwerk, heute mit den Kunststoffkabeln ist es ein Handwerk, wenn man mal von einer 10kV absieht. Das ist immer noch ein Kunstwerk. Da stehe ich immer noch gerne daneben und guck zu.
Also wir haben dann schon durch den technischen Fortschritt Dinge entwickelt, aber vom Arbeitsprozess her ist es noch immer fast das gleiche wie vor 40 Jahren.
»Also wir haben dann schon durch den technischen Fortschritt Dinge entwickelt, aber vom Arbeitsprozess her ist es noch immer fast das gleiche wie vor 40 Jahren.«
Also vor 40 Jahren hat morgens der Fachvorarbeiter die Monteure noch mit dem Bulli auf die Baustelle gefahren und nachmittags abgeholt.
Irgendwann, vor knapp 40 Jahren, haben wir dann tatsächlich Montagewagen für die Monteure eingeführt und dann konnten die mit ihrem Bulli/Sprinter/was-auch-immer selber auf die Baustelle fahren. Aber so ähnlich sind wir heute noch unterwegs. Und ja, da kann man besser werden und da muss man auch besser werden. Da hoffe ich eben, mit Prozessmaschinen, wie mit einer Vaira-App oder auch anderen Prozessmaschinen, tatsächlich noch ein bisschen Fortschritt reinzukriegen.
Natürlich weiß ich, dass es für die Monteure immer schön ist, noch mal ins Lager zu fahren, um was zu holen. Dann trifft man Kollegen.
Aber gut, da muss man sich als Unternehmen überlegen, wie man diesen sozialen Ausgleich eben anderweitig hinkriegt. Nicht sagt: alle Effizienzsteigerung geht in mehr Leistung rein, sondern da muss man einfach gucken, wo es hingeht.
Aber da kenne ich eine Menge Unternehmen, und ich zähle euch da dazu, die wissen, wie man das tut. Ich bin immer ganz gerne auch bei Kunden, wo dann die Unternehmenskultur schon mal ein paar Monate weiter ist als bei uns, wo dann auch zusammen andere Sachen gemacht werden und das Treffen im Lager nicht mehr die einzige Möglichkeit ist, den Kollegen zu begegnen. Da sind eben Dinge, die man aus vielen Sichten betrachten muss.
Aber nicht nur, weil es eben immer mal schön war, weiterzumachen wie bisher, sondern wirklich gucken, wie kann man es auch besser machen. Und ich meine, da liegen viele Sachen auf der Hand. Da haben wir ja schon drüber gesprochen.
»Natürlich weiß ich, dass es für die Monteure immer schön ist, noch mal ins Lager zu fahren, um was zu holen. Dann trifft man Kollegen.«
Max Erdmann
Ja, das ist glaube ich, eigentlich auch wieder eine schöne Zusammenfassung vom gesamten Gespräch. Also ganz viele Probleme, ganz viele Chancen. Am Ende des Tages ist alles ja ein People‘s Business. Also es ist ein hochtechnologisches Netzwerk, was von ganz vielen Leuten verwaltet und bearbeitet werden muss. Aber warum machen wir das? Damit wir nachher Heizung im Winter haben. Damit wir Internet haben.
Und das machen wir alles für Menschen, damit es uns gut geht und damit wir arbeiten können. Das ist glaube ich eine schöne Zusammenfassung und der Fokus, den du ja auch schon mehrfach gesetzt hast. Wir müssen auf die Leute gucken, die Leute müssen mitgenommen werden. Es muss ein Beispiel gegeben werden: “Wo kann es hingehen?”.
Und es geht nicht darum, Menschen zu ersetzen, sondern um neue Aufgaben, neue Chancen, neue Herausforderungen. Es geht um uns selbst eigentlich. Wir haben die Chance, unsere Welt zu verändern und zu verbessern. Und das vergisst man glaube ich gerne, wenn es um technische Lösungen, um Software, um Prozesse geht. Es dreht sich alles um uns Menschen.
Gunther Gaedtke
Die Anforderungen sind ja heute auch so vielfältig. Ohne die technischen Lösungen kriegen wir das ja gar nicht mehr gewickelt. Und in anderen Themen wie der Netzführung in der Leitstelle und so, da kann sich heute keiner mehr vorstellen, so zu arbeiten wie vor 40 Jahren. Aber im Netzbau, da… immer neues Material, neue Werkstoffe, aber arbeiten wie früher.
Und ich glaube, da haben wir eine riesengroße Chance, auch besser zu werden. Und… joa. Ich bin immer noch guter Hoffnung, das zu erleben.
»Aber im Netzbau, da… immer neues Material, neue Werkstoffe, aber arbeiten wie früher.«
Max Erdmann
Ich meine, wir haben ja schon so ein paar Sachen gemacht. Dass wir Vaira wirklich tief in SAP integriert haben, das muss man auch erst mal machen. Mit den Herausforderungen, die man immer bei einem Sprung durch die SAP-Reifen hat – warum auch immer Sachen so und so sind.
Gunther Gaedtke
Ne, also das war eben auch ein Punkt, wo ich einfach begeistert bin. Ja, wir haben Probleme. Und die haben wir gelöst. Und wir haben dabei auch Dinge gemacht, die unkonventionell waren. Alleine der SAP-Absprung, den hat SAP noch nie mit Vaira gemacht. Am Anfang haben unsere SAP-Experten uns gefragt, ob wir ne Meise haben. Und dann haben wir sie begeistert. Und dann hat das Ding auch funktioniert.
Also da bin ich auch richtig stolz. Vor allen Dingen in einer Geschwindigkeit, die wir mit unseren IT-Dienstleistern sonst nie hingelegt hätten. Das ist eben auch ein Stück weit von dem… denen hat es auch Spaß gemacht, mit euch von Vaira zusammenzuarbeiten und sich da die Bälle zuzuspielen. Für mich dann viel zu hoch. Ich bin Maschinenbauer. Aber ich habe mitgekriegt: okay, die Bälle sind in der Luft und die sehen sehr zielgerichtet aus.
Und dann war ganz schnell fertig.
»Alleine der SAP-Absprung, den hat SAP noch nie mit Vaira gemacht. Am Anfang haben unsere SAP-Experten uns gefragt, ob wir ne Meise haben. Und dann haben wir sie begeistert. Und dann hat das Ding auch funktioniert.«
Max Erdmann
Ja, das ist, glaube ich, auch so ein Vorteil der modernen Produkte und modernen Technologien. Man kriegt sie zusammen. Früher war das alles so getrennt voneinander und du kriegst beim besten Willen die Sachen nicht aus dem einen Karton in den anderen Karton.
Gunther Gaedtke
Das sind heute wirklich Dinge, wo wir auch schon sehr, sehr weit sind. Also wenn ich mir angucke, wie wir mit anderen Marktpartnern inzwischen Daten austauschen, dass es standardisierte Formate gibt, dass es Vereinbarung gibt, wie die Dinge auszusehen haben.
Also ich als Maschinenbauer, Nicht-GIS-Techniker, kann mir dann Dinge übereinander lagern und automatisch vergleichen lassen. Da sind wir schon richtig weit. Aber eben im Baubereich noch nicht ganz so weit, wie ich gern wäre.
Max Erdmann
Na ja, den kriegen wir auch noch.
Gunther Gaedtke
Ja, wir haben den Fuhrpark umgestellt bei den Bauunternehmen, die haben heute ganz andere Maschinen und Werkzeuge als vor 20 Jahren. Und den Rest, den kriegen wir auch.
Max Erdmann
Es hat wieder total viel Spaß gemacht, weil es auch jedes Mal interessant ist, da die Einblicke zu kriegen, die du hast. Ich meine: wir kennen das aus unserer Warte. Wir stellen Software her. Wir sehen Parallelen zwischen jedem Haus und jedem Nutzer. Aber jeder tickt für sich irgendwie anders. Und das ist das, wo ich dich eben auch erlebt habe. Damals das erste Mal in dem Team schon mit einer Vision dahinter, die man so noch nicht häufig in einer so frühen Phase sieht.
Und deswegen dafür total viel Danke, dass du das gemacht hast. Es hilft uns ungemein, zeigen zu können, wie wir arbeiten, was unsere Perspektive auf die Sache ist, wie wir auch gemeinsam arbeiten und dass wir auch Herausforderungen haben, die wir teilweise eben nicht selber lösen können.
Dann braucht es Zeit, Werbung, Schulungen und alles. Dass wir das gemeinsam hinkriegen, dafür ungemein viel Danke und das wird glaube ich richtig was geben. Ein schönes Wochenende bald und dann hören wir uns die Tage.
Gunther Gaedtke
Okay. Freue ich mich drauf. Macht‘s gut und viel Erfolg bei der Intergeo.
Max Erdmann
Ja, danke dir. Bis dann.
Interview geführt von Max Erdmann, Vaira UG, September 2024
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